from the series wabi sabi I, 2013-2018, dye transfer print or archival pigment print

WABI SABI 

Die Titel WABI SABI I, II und III bezeichnen verwandtschaftliche Reihen von Fotografien, in denen sich jede einzelne dem Portrait einer Blume widmet. Gemeinsam zeichnet diese Arbeiten aus, dass alle Pflanzen vor der Aufnahme einen sorgfältigen Trocknungsvorgang im Atelier durchlaufen. Lagerung und Dosierung der UV-Einstrahlung geben dem Prozess eine Richtung und hinterlassen Spuren, die im Bild sichtbar werden. Wider Erwarten sind diese Spuren keine Zeichen der Auflösung sondern intensive Farben, filigrane Falten und Kanten, Blütenstaub und Blattadern. Die toten Blumen wirken lebendiger denn je, verstärkt durch einen tiefdunklen schattenfreien Hintergrund. Die Aufnahmen erfolgen grundsätzlich bei Tageslicht und werden durchgängig in quadratischem Format als Dye Transfer Print oder als Archival Pigment Print auf speziellen Baumwollpapieren wiedergegeben.

Der Begriff Wabi Sabi verweist auf ein ästhetisches Empfinden, das in Japan als kulturelle Tradition fest verwurzelt ist. Es ist kein sprachlich gefasstes künstlerisches Konzept, kein Manifest oder Erklärungsmodell und gibt auch als Titel keine Interpretation für die Fotografien wieder. Vielmehr legen die Darstellungen der welken Blumen den Begriff für uns aus. Wabi Sabi bezeichnet ausdrücklich nicht eine materielle oder Sinnebene, sondern verweist auf den Erlebnisvorgang. Es entsteht im Tun, im Umgang mit dem Objekt, traditionell innerhalb der Teezeremonie. Eine einfühlsame Beschreibung dieser Zusammenhänge und Wahrnehmungserlebnisse findet sich in dem Essay „Lob des Schattens, Entwurf einer japanischen Ästhetik“ von Tanizaki Jun’ichiro. Hier werden Schlüsselbegriffe eingeführt, mit denen dem Betrachter eine mühelose Annäherung an die Wabi Sabi Reihen von Kathrin Linkersdorff gelingt. Es lohnt sich, sein Augenmerk gezielt auf das Wechselspiel von Glanz und Dunkelheit zu legen und nach dem Schattenspiel zu suchen, dass sich im wahrsten Sinne des Wortes  zwischen Farben und Formen entfaltet. Der Zwischenraum ist realer Bedeutungsträger. Kathrin Linkersdorff verschafft uns die Möglichkeit, im Betrachten der Fotografien, in einen Wabi Sabi Vorgang einzutauchen. Bei Tanizaki Jun’ichiro liest sich das so: „…eine Lackmalerei in Gold soll nicht an einem hellen Ort mit einem Blick als Gesamtheit überschaut werden, sondern sie ist so beschaffen, daß man an einem dunklen Ort von Zeit zu Zeit den einen und dann wieder den anderen Teil tiefgründig aufleuchten sieht.“ Einen anderen ebenfalls beleuchtenden Akzent setzt Leonard Koren. Er beschäftigt sich eingehend mit dem Begriff Wabi Sabi. Seine Herangehensweise entspricht einer westlich geprägten wissenschaftlichen Betrachtung und stellt die Kontraste und Unterschiede in den Vordergrund. „Wabi Sabi bezeichnet die Schönheit unvollkommener, vergänglicher und unvollständiger Dinge. Es bezeichnet die Schönheit anspruchsloser und schlichter Dinge, die Schönheit unkonventioneller Dinge.“ Und an anderer Stelle: „Wabi-Sabi stellt das genaue Gegenteil dar zu dem westlichen Ideal grosser Schönheit als etwas Monumentalem, Grossartig-Pompösem und Dauerhaftem. Es findet sich in der Natur nicht in Augenblicken der Blüte und Üppigkeit, sondern vielmehr in Momenten des Beginnens und Ausklingens…“ Die Fragen des Beginnens und Ausklingens beleuchten bei den vorliegenden Wabi Sabi Reihen vor allem die Motivwahl und Ausarbeitung. Hier finden komplexe Verknüpfungen und Überkreuzungen statt. Real totes Material, wie die getrockneten Blüten erscheinen im Bild in starker Farbigkeit und erzeugen eine Atmosphäre von großer und frischer Lebendigkeit. Die kaum noch materiell vorhandenen Blumen erscheinen in der Fotografie wie aus dem Leben gerissen. Auch in der westlichen Tradition dem Tod zugerechnete Farben, wie das Schwarz, werden durch sorgsame Proportionierung, Ausarbeitung und handwerkliche Sorgfalt im Druck zu einem lebendigen Urgrund. Das Schwarz ist Raumgeber, Bühne, umfassend. Es endet nicht mit dem Bildrand, es denkt sich fort. Spielerische Freude und Leichtigkeit ziehen in die schweren Themen ein und formen aus den Bildern des Abschieds und des Todes Wahrnehmungen von Anfang und Aufbruch. Der Umgang mit der japanischen Ästhetik, auf die uns die Titel der Reihen verweisen, ist nicht nur für die Fotografin, die in Japan gearbeitet, Sprache und Kultur studiert hat, sondern auch für den Betrachter ein interkultureller Vorgang. Interkulturell besonders deshalb, weil auch die Verwurzelung in der abendländischen Sehgewohnheit und Kulturtradition weder verleugnet noch abgelegt wird. Die Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt stehen ebenso in verwandtschaftlicher Beziehung zu Kathrin Linkersdorffs Aufnahmen, wie Tulpen und Blütenaufnahmen von Irving Penn. Die verschiedenen Ausformulierungen stärken sich gegenseitig und die Seherfahrung, die der Betrachter einbringt, bahnen den Weg zum eigentlichen Bilderlebnis. 

Aus tiefer Dunkelheit leuchtet in der Farbigkeit ein Glanz auf, der den schon vergangenen Blumen eine Schönheit verleiht, die sie vielleicht auf der Höhe ihrer Blüte nie besessen haben. 

Daniela Nicklas, Kunsthistorikerin M.A.