In FLORISZENZ arbeitet die Künstlerin mit den bereits bekannten Darstellern. Sorgsam getrocknete Blüten an Stängeln, meist -jedoch nicht ausschließlich- arrangiert in Gruppen. Diese werden in einen neuen Zusammenhang gestellt. Statt vor dunklem Hintergrund erscheinen die Pflanzen vor hellem Hintergrund. Wer mit dem Werk von Kathrin Linkersdorff bereits vertraut ist, kennt diesen aus der RE-NAISSANCE Reihe. Hier werden getrocknete Kapseln und Fruchtstände in Wasser eingetaucht und samt der sich bildenden Wasserbläschen vor hellem Hintergrund aufgenommen. Das Ergebnis bilden wie gefroren wirkende Pflanzenabbildungen mit starker Zeichnung in realitätsferner Farbgebung. Im Bild dominieren die Farben Rot und Weiß konturiert durch eine filigrane Zeichnung aus dem warmen Schwarz-Grau Bereich. Der Kontrast zu der gesteigerten Lebendigkeit der WABI SABI Aufnahmen könnte kaum größer ausfallen. Während die WABI SABI Reihen den Blumen eine Lebendigkeit verleiht, die sie vielleicht selbst in ihrer natürlichen Umgebung kaum sichtbar werden lassen konnten, halten die RE-NAISSANCE Arbeiten die Zeit an. Sie konservieren in ihrer Stilisierung einen überzeitlichen Aspekt. Individualität, Raum und Zeit entfallen als Bezugsgrößen. Die einzelne Abbildung steht für alle, die ihr ähnlich sind. Sie wird zum Archetypus, vielleicht sogar zur Ikone. 

Die FLORISZENZ Reihe greift das Eintauchen in Wasser als Grundmotiv der RE-NAISSANCE Anordnung auf, macht diesen Vorgang jedoch im Bild wesentlich deutlicher. Der Grund des wassergefüllten Glasgefäßes in das eingetaucht wird, bleibt für den Betrachter sichtbar erhalten, sowie auch die Richtung des Eintauchens realitätsgetreu übernommen wird. Die Blumenstängel weisen in der Abbildung nach oben. Diese Richtung ist gleichsam real -wie im Atelier vorgefunden- und doch unnatürlich. Die wässrige Umgebung kann vom Betrachter erschlossen werden und wird schließlich durch die Farbschleier, die sich von der Blüte her zum Grund absenken, bestätigt. RE-NAISSANCE stellt die Verhältnisse auf den Kopf und hinterfragt reale Parameter wie Ort und Zeit. FLORISZENZ übernimmt diese Parameter und untersucht die Auswirkungen physischer Gesetzmäßigkeiten. Die deutliche Bindung an die WABI SABI Reihen erfolgt durch die Auswahl der Pflanzen, das quadratische Format, das Zitieren einer zentral orientierten Aufnahme und den Erhalt eines jeweils individuellen Ausdrucks. Anstelle einer unbewegten Protraitaufnahme tritt eine beobachtende, intime Fotografie. Die Blüten werden einer Laborsituation ausgesetzt. Sie tauchen ein in das Element, das ihnen während der Trocknung entzogen wurde und geben in zarten Schleiern ihre Farbe ab. Diese in WABI SABI so deutlich an die Blüten gebundene und bedeutungsschwere Farbe geht über in ein neues Medium. Sie beginnt in die wässrige Umgebung zu transzendieren und sinkt schwer und gemächlich auf den Grund des Beckens. Weder das farbige Leuchten aus der Dunkelheit noch die Stilisierung vor der Helligkeit, sondern vielmehr die Bewegung im Bild und eine ebenso zarte als reale Farbenstehung charakterisieren die FLORISZENZ Reihe. Die Blüten sind nicht mehr nur sehr verletzlich, sie werden auch in ihrer Verletzlichkeit abgebildet. Wäre die Ausgewogenheit zwischen erhaltener Blüte und vorsichtig entstehender Farbigkeit nicht so fein ins Bild gebracht, müssten die getrockneten Blumen nun „ausbluten“. Sie sind ernsthaft gefährdet. Oder läge im vollständigen Übergang der Farbe von der Blüte zum Wasser gar deren Rettung? Folgt auf Auflösung die Entstehung, ist der Kreislauf zu schließen? Wäre ein Übergang ohne Verlust denkbar? Keine der Blüten in FLORISZENZ bleibt so lange unter Wasser, dass sie ihre Form oder Farbe verliert. Es ist ein begrenztes Experiment. Fotografin und Modell bleiben in Kontakt und gewähren nur den Blick auf die Gefährdung. Was könnte passieren, wenn? Um auf das eingeführte Sprachbild zurückzukommen, lautet die schlüssige Folgerung: FLORISZENZ ist die Aktaufnahme im Repertoire der Fotografin. Es gibt keine Distanz mehr zwischen Fotografin und Modell. Mehr sensible Nähe dürfte zwischen Darsteller und Regisseur kaum noch möglich sein. Welche Stücke in dieser Nähe weiter gezeigt werden, ist der Raum, der sich daraus eröffnet. 

Daniela Nicklas, Kunsthistorikerin M.A.