Lumineszenzen text

FLORISZENZEN

Daniela Nicklas, Kunsthistorikerin M.A., Berlin, 10.Juli 2019

Mit FLORISZENZEN stellt die Fotografin Kathrin Linkersdorff eine neue Reihe vor. Die Gruppierung in Reihen dient weder der Archivierung noch gibt sie eine zeitliche Abfolge wieder. Vielmehr ist die Gruppierung in Reihen ein Charakteristikum, das für den Arbeitsprozess der Künstlerin ebenso bedeutsam ist, wie es bei der Betrachtung der Arbeiten Schlüssel und Zugang anbietet. Durch die Präsentation in Reihen erhält der Betrachter tiefe Einblicke in den Arbeitsprozess und die Fotografin zeigt deutlich, dass bereits die Anordnung Bedeutungsträger ist. Diese Annahme wird dadurch gestützt, dass es seit Beginn der Präsentation in Reihen keine Titel für einzelne Fotografien, sondern ausschließlich Titel für Reihen gibt. Diese heißen WABI SABI I, WABI SABI II; WABI SABI III, RE-NAISSANCE, PALIMPSEST, TRIPTYCHON, und nun FLORISZENZEN.

Jede Gruppierung von Dingen erzeugt ein Wechselspiel von Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen. Diese flechten fortwährend vielfältige Beziehungen und verweisen stets auf einen größer zu denkenden und im Fall von Kathrin Linkersdorffs Fotografien auch zu sehenden Zusammenhang. Wie das menschliche Portrait, hat auch das Blumenportrait den Anspruch, allein für sich stehen zu können. Es will der Individualität seines Motives bestmöglich und eigenständig Ausdruck verleihen. Die Präsentation der Blumenportraits aus den WABI SABI Reihen ist klassisch zentral und ohne jede Ablenkung. Es gibt keine zusätzlichen Attribute. Die Wiedererkennung der dahinterstehenden Pflanze erfolgt durch Prägnanz von Farbe und Form. Innerhalb einer Ahnengalerie misst das einzelne Porträt sich bereits mit den anderen Darstellungen. In WABI SABI I-III lernen wir mehrere solcher floralen Ahnengalerien kennen. Die einzelnen Fotografien messen und steigern sich innerhalb der jeweiligen Reihe und benennen in Abgrenzung der eigenen zur anderen Gruppe Zusammensetzung sowie Schwerpunkte, die ein Erkennen, Erinnern und Besprechen ermöglichen. Und ähnlich, wie eine Ahnengalerie nie abgeschlossen werden muss, so setzen sich auch die Reihen von Kathrin Linkersdorff fort. Hier kommt eine neues Pflanzenportrait dazu, dort fällt eines in Ungnade und wird entnommen. Vielleicht hat es auch nur vorübergehend keinen Platz in der Präsentation und wird später wieder ergänzt. Mal muss sich der Onkel mit dem Neffen messen, mal stehen die Enkel beieinander. Immer eröffnet diese Bewegung neue Möglichkeiten für Entdeckungen. Der Vergleich mit einer Ahnengalerie ist nicht willkürlich. Er drängt sich meiner Betrachtung auf, schließlich erscheinen die in WABI SABI I-III abgebildeten Pflanzen wie die Mitglieder jener Aufnahmen, die in TIPTYCHON und FLORISZENZEN in anderen Zusammenhängen wieder vor die Kamera geholt werden. Ob dem physisch so ist, sei dahingestellt. Die Nähe ist so offensichtlich, dass man kaum zu einem präzisen Vergleich verleitet wird. Die Pflanzen verweisen auf eine gemeinsame Herkunft und eine vergleichbare Trocknung im Sinne einer „Sozialisation“. Dem biographischen Sprach- und Lesemuster folgend (und dies ist sicher nur eine mögliche Lesart), gesellt TRIPTYCHON der Ahnengalerie die Gruppenaufnahmen hinzu. Die zentral orientierte, isolierte Präsentation wird variiert und das neue Spannungsfeld heißt Reihung. Statt eines Individuums lernen wir einen Zusammenhang kennen. Wie können sich mehrere verwandtschaftliche Blüten und ihre Stängel miteinander arrangieren und das Format gemäß der im Werk eingeführten Ästhetik und Gesetzmäßigkeiten ausfüllen? Eine zufällige Begegnung ist ausgeschlossen, die Pflanzen werden nicht zufällig ausgestreut, sie sind für die Aufnahme sorgsam ausgewählt und arrangiert worden. Ebenso sorgsam, wie sie zuvor einen kontrollierten Trocknungsprozess durchlaufen haben. Die jeweils abgebildeten Pflanzen der TRIPTYCHON Reihe stammen sichtlich aus einer Familie und sind für die Aufnahme im Atelier in Position gebracht. Man könnte sie als Familienportrait lesen. Über Format-, Farb- und Lichtbehandlung ist TRIPTYCHON eng an die WABI SABI Reihen angebunden. Während in der Ahnengalerie die Fragen des individuellen Ausdrucks und der Lebendigkeit bestimmend sind, schwächt sich bei der Reihung von Pflanzen die Macht der Dunkelheit und der Glanz des Farbigen zugunsten der Klärung von Beziehungen deutlich ab. Wie stehen die Elemente von Reihung und Häufung, Überlagerungen und Isolierungen zueinander? Linie und Form dominieren über Farbe und Dunkelheit. Vielleicht betritt sogar ein Hauch von Bewegung die Darstellungen.

In FLORISZENZEN arbeitet die Künstlerin mit den bereits bekannten Darstellern. Sorgsam getrocknete Blüten an Stängeln, meist -jedoch nicht ausschließlich- arrangiert in Gruppen. Diese werden in einen neuen Zusammenhang gestellt. Statt vor dunklem Hintergrund erscheinen die Pflanzen vor hellem Hintergrund. Wer mit dem Werk von Kathrin Linkersdorff bereits vertraut ist, kennt diesen aus der RE-NAISSANCE Reihe. Hier werden getrocknete Kapseln und Fruchtstände in Wasser eingetaucht und samt der sich bildenden Wasserbläschen vor hellem Hintergrund aufgenommen. Das Ergebnis bilden wie gefroren wirkende Pflanzenabbildungen mit starker Zeichnung in realitätsferner Farbgebung. Im Bild dominieren die Farben Rot und Weiß konturiert durch eine filigrane Zeichnung aus dem warmen Schwarz-Grau Bereich. Der Kontrast zu der gesteigerten Lebendigkeit der WABI SABI Aufnahmen könnte kaum größer ausfallen. Während die WABI SABI Reihen den Blumen eine Lebendigkeit verleiht, die sie vielleicht selbst in ihrer natürlichen Umgebung kaum sichtbar werden lassen konnten, halten die RE-NAISSANCE Arbeiten die Zeit an. Sie konservieren in ihrer Stilisierung einen überzeitlichen Aspekt. Individualität, Raum und Zeit entfallen als Bezugsgrößen. Die einzelne Abbildung steht für alle, die ihr ähnlich sind. Sie wird zum Archetypus, vielleicht sogar zur Ikone. 

Die FLORISZENZEN Reihe greift das Eintauchen in Wasser als Grundmotiv der RE-NAISSANCE Anordnung auf, macht diesen Vorgang jedoch im Bild wesentlich deutlicher. Der Grund des wassergefüllten Glasgefäßes in das eingetaucht wird, bleibt für den Betrachter sichtbar erhalten, sowie auch die Richtung des Eintauchens realitätsgetreu übernommen wird. Die Blumenstängel weisen in der Abbildung nach oben. Diese Richtung ist gleichsam real -wie im Atelier vorgefunden- und doch unnatürlich. Die wässrige Umgebung kann vom Betrachter erschlossen werden und wird schließlich durch die Farbschleier, die sich von der Blüte her zum Grund absenken, bestätigt. RE-NAISSANCE stellt die Verhältnisse auf den Kopf und hinterfragt reale Parameter wie Ort und Zeit. FLORISZENZEN übernimmt diese Parameter und untersucht die Auswirkungen physischer Gesetzmäßigkeiten. Die deutliche Bindung an die WABI SABI Reihen erfolgt durch die Auswahl der Pflanzen, das quadratische Format, das Zitieren einer zentral orientierten Aufnahme und den Erhalt eines jeweils individuellen Ausdrucks. Anstelle einer unbewegten Protraitaufnahme tritt eine beobachtende, intime Fotografie. Die Blüten werden einer Laborsituation ausgesetzt. Sie tauchen ein in das Element, das ihnen während der Trocknung entzogen wurde und geben in zarten Schleiern ihre Farbe ab. Diese in WABI SABI so deutlich an die Blüten gebundene und bedeutungsschwere Farbe geht über in ein neues Medium. Sie beginnt in die wässrige Umgebung zu transzendieren und sinkt schwer und gemächlich auf den Grund des Beckens. Weder das farbige Leuchten aus der Dunkelheit noch die Stilisierung vor der Helligkeit, sondern vielmehr die Bewegung im Bild und eine ebenso zarte als reale Farbenstehung charakterisieren die FLORISZENZEN Reihe. Die Blüten sind nicht mehr nur sehr verletzlich, sie werden auch in ihrer Verletzlichkeit abgebildet. Wäre die Ausgewogenheit zwischen erhaltener Blüte und vorsichtig entstehender Farbigkeit nicht so fein ins Bild gebracht, müssten die getrockneten Blumen nun „ausbluten“. Sie sind ernsthaft gefährdet. Oder läge im vollständigen Übergang der Farbe von der Blüte zum Wasser gar deren Rettung? Folgt auf Auflösung die Entstehung, ist der Kreislauf zu schließen? Wäre ein Übergang ohne Verlust denkbar? Keine der Blüten in FLORISZENZEN bleibt so lange unter Wasser, dass sie ihre Form oder Farbe verliert. Es ist ein begrenztes Experiment. Fotografin und Modell bleiben in Kontakt und gewähren nur den Blick auf die Gefährdung. Was könnte passieren, wenn? Um auf das eingeführte Sprachbild zurückzukommen, lautet die schlüssige Folgerung: FLORISZENZEN ist die Aktaufnahme im Repertoire der Fotografin. Es gibt keine Distanz mehr zwischen Fotografin und Modell. Mehr sensible Nähe dürfte zwischen Darsteller und Regisseur kaum noch möglich sein. Welche Stücke in dieser Nähe weiter gezeigt werden, ist der Raum, der sich daraus eröffnet.