Fairies text

[PLEASE SCROLL DOWN FOR ENGLISH VERSION]

FAIRIES

Daniela Nicklas, Kunsthistorikerin M.A., Berlin, 14.Mai 2020

Die Serien von Kathrin Linkersdorff bilden einen umfangreichen Kosmos. Regelmäßige Betrachter sind bereits mit vielen Darstellern, Lokalitäten und Konstellationen vertraut und erleben in neuen Serien ein Wiederaufgreifen und Erkennen. Aktuell stehen die Fairies auf der Bühne. Das Verhältnis der Künstlerin zu den dargestellten Pflanzen erscheint gleichsam wie das Verhältnis eines Regisseurs zu seinen Lieblingsschauspielern. Je vertrauter sie miteinander werden, desto größer wird einerseits der Improvisationsspielraum der Darsteller und andererseits der Mut des Regisseurs, einzugreifen, seinen Darstellern immer größer werdende Herausforderungen zuzumuten und Grenzen auszuloten. Es entsteht ein Maximum an Perfektion. Der inszenierte Zufall überlässt nichts dem Zufall, er ordnet und spricht. 

Diese Beschreibung nimmt eine Personifizierung der pflanzlichen Objekte und ihres Zusammenspiels als Interaktion vor. Sie stellt bereits eine Deutung dar und legt nahe, dass die Serien umso sprechender werden, je mehr von ihnen man kennenlernt. Dabei spielt die Reihenfolge keine Rolle. Es ist nicht notwendig, einer Chronologie zu folgen. Die Arbeitsweise von Kathrin Linkersdorff löst das Prinzip einer zeitlichen Folge regelrecht auf, indem sie zwar kontinuierlich neue Serien beginnt, jedoch keine abschließt. Ihre Serien sind offene Experimente und werden frei weiterbearbeitet. Die Dynamik, die den Pflanzen zu Lebzeiten innegewohnt hat, spiegelt sich nun in der Offenheit der Serien und den Arbeitsprozessen wieder. So kommt es gerade in den Fairies zu einer verblüffenden Wiederbelebung. Im Sinne der vertrauten Besetzung und einer festen Spielstätte werden ausschließlich getrocknete Pflanzen und hier überwiegend Tulpen dargestellt. Das Format ist quadratisch, die Hintergründe entweder sehr licht oder tiefschwarz und die Ausarbeitung der Zeichnung bei der Wiedergabe aller Strukturen erinnert ans Mikroskopieren. In Fairies werden die schon bekannten, getrockneten Blumen ihrer Pigmente zunächst graduell bis hin zur vollständigen Entleerung beraubt. Sie bilden fast farblose Hüllen. Während in den Wabi Sabi Reihen die intensive Farbigkeit der getrockneten Blüten das Charakteristikum bilden und eine transzendierte Lebendigkeit vorführen, begegnen die Pflanzen in Renaissance und Floriszenz einer wässrigen Umgebung.  In Fairies tauchen Sie als weitgehend entleerte Hüllen erneut auf. Ein Kreislauf scheint neu zu beginnen und tatsächlich wird dieser Neubeginn farbig markiert. Einzelne Blumen werden nun vor der Aufnahme im Atelier künstlich eingefärbt. Sehr zart, sehr behutsam und doch erfolgt ein deutlich invasiver Eingriff. Die Grenze zur Malerei wird durchlässig und der Betrachter kann zunehmend erkennen, dass hier nicht mit der Kamera passiv beobachtet wird, sondern alle Schritte von der Trocknung, dem Arrangement und der Beleuchtung bis hin zur Neueinfärbung gestaltet und gesteuert werden. Behutsam und doch sehr bestimmt. Grenzen werden regelrecht überwunden, Entwicklungen gefördert und Veränderungen ausprobiert. Fairies sind also viel weniger als erwartet alte Bekannte als vielmehr Schöpfungen und Perspektiven. (Fast) alles scheint möglich. Auf der Ebene der Farbigkeit findet ein materieller Austausch statt. Noch direkter kann die Option der Verwandlung, die Aufforderung zur Neugestaltung kaum eingearbeitet werden.

Störungen und Experimente sind im Arbeitsfeld von Kathrin Linkersdorff geschwisterliche Vorgänge. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade in Zeiten einer weltweiten Pandemie den erst getrockneten und dann entfärbten Blüten eine neue Farbigkeit gegeben und neues „Leben“ eingehaucht wird. Eine Bedrohung, die im Alltag existentiell werden kann, bildet in der Abgeschlossenheit des Ateliers das Salz in der Suppe. Ohne Störungen und ohne Experiment sind in der kreativen Arbeit kein Fortschritt und keine Entwicklung denkbar. Wer sich bewegen will, muss ein Risiko eingehen, Störungen zulassen und Experimente anstoßen. In den Fairies kommt alles zusammen. Die von außen aufgenötigte Veränderung, das bewußt in Gang gesetzte Experiment und die resultierende Intensivierung. Die Blumen reagieren sehr subtil auf den Eingriff. Alle durchlaufen unterschiedliche Prozesse und werden in eine neue Bahn gelenkt. So wirken diese zarten Gebilde nicht wie der Abschluss eines Trocknungsvorgangs, eine endgültig letzte Station, sondern wie ein Neuanfang, gerade erst geborene Ideen.

 

FAIRIES

Daniela Nicklas, Art historian M.A., Berlin, May 14, 2020

Kathrin Linkersdorff’s series form a comprehensive cosmos. Regular viewers who are familiar with her protagonists, settings, and constellations will experience that a return to the scene in a new series will warrant immediate identification. Centre stage is currently taken by Fairies. The artist’s relationship with her plant portraits would seem comparable to the relationship of a stage director with his favourite actors. The more familiar they become with each other, the greater the performers’ scope for improvisation on the one hand, and on the other, the greater the director’s boldness to intervene, to expect his actors to handle ever-growing challenges, and to sound out limits. Maximum perfection is achieved. Staged coincidence leaves nothing to chance, it gives structure and speaks.

This description personifies the vegetal objects and their composition, emphasizing that all interaction is in the sense of a relationship. It provides an initial reading and suggests that the more works one gets to know, the more telling each series becomes. The temporal sequence is irrelevant and enhanced perception in no way linked to chronology. Kathrin Linkersdorff’s practice literally suspends the timeline principle in that she is consistently beginning new series, but not closing them. Her series are open experiments, free for further development. The dynamism inherent to the plants during their lifetime is now mirrored in the openness of the series and work processes involved. Thus, in Fairies, a striking revitalization takes place. In the sense of a familiar cast and established venue, only dried plants, here mainly tulips, are displayed. The format is square, the backdrop either really light or deep black, and the elaboration of outline in the rendering of structural details would seem reminiscent of microscopy. For Fairies, the already familiar dried flowers are gradually robbed of their pigments until all colour is entirely lost. They turn into virtually pallid husks. While a characteristic feature of the Wabi Sabi series lies in the intense colours of the dried flowers and demonstrates transcended vitality, the plants depicted in Renaissance and Florescence encounter a watery environment. In Fairies, they surface again as essentially empty husks. A new cycle is on its way and the renewal is literally marked by colour. Individual flowers are artificially dyed prior to the studio photographs. This is a very tender, very gentle and yet clearly invasive procedure. The boundary to painting becomes permeable and the viewer can increasingly recognize that here the camera is not simply a passive observer, but that all the steps, from drying, arranging, and lighting to recolouring, are deliberately controlled. Gently but quite unconditionally. Practical limitations are overcome, developments nurtured, and alterations investigated. Fairies therefore fulfils less the expectations of old acquaintances and stands far more for creation and perspective. (Almost) any outcome is imaginable. A material exchange takes place on the level of colour. The option of transformation and the call for creation could hardly be addressed more directly.

In Kathrin Linkersdorff’s field of work, interference and experimentation are siblings. Perhaps it is no coincidence in times of a global pandemic that the dried and discoloured flowers get imbued with new colour and with a new breath of “life”. In the seclusion of the studio, a threat which in everyday life can be downright existential is actually the extra something. Progression and development in creativity are unconceivable without interference and experimentation. Anyone who wishes to move must take a risk, allow for interference, and initiate experimentation. In Fairies, everything comes together: the change imposed from the outside, the experiment consciously set in motion, and the subsequent intensification. The flowers react to the intervention with great sensitivity.  Each one undergoes a different procedure that takes it down a new path. Thus, these delicate entities do not appear to stand at the end of a drying process as a last and final stage, but are more like the newly born ideas of a fresh start.

Translated from the German by Dr. Helen Adkins